Hunde-Rassen wie der Spitz waren früher aus Deutschland nicht wegzudenken. Inzwischen gilt er, genau wie viele Hühner- oder Schweinerassen, als gefährdet. Für ihre Rettung setzt sich ein Verein in Nordhessen ein.

Wenn Antje Feldmann von ihrer Arbeit erzählt, klingt das wie ein Krimi. Einmal hat sie sich ins Auto gesetzt und ist auf der Suche nach fast ausgestorbenen Schafs-Rassen durch die entlegensten Winkel von Slowenien, Rumänien und Polen gefahren. Die Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Tierrassen zu retten. Schon oft hat sie die letzten Tiere einer Rasse aufgespürt und mit geschickter Zucht den Gen-Pool so vergrößert, dass diese Tiere nun nicht mehr als gefährdet gelten.

Der Traktor löst die Kuh ab

„Das Herzstück unserer Arbeit ist die rote Liste“, erzählt die gelernte Landwirtin und studierte Agraringenieurin, die selbst Walachenschafe hält. Schnell hat die 1981 gegründete GEH damit angefangen, eine Übersicht aller bedrohten Nutztierrassen in Deutschland zu verfassen. Zu Beginn sind Mitglieder des Vereins mit alten Katalogen von Hof zu Hof gefahren und haben nach bestimmten Rassen gesucht und eine Bestandsaufnahme angefertigt. Inzwischen haben die Züchter ein Netzwerk aufgebaut. „Anfangs standen da gut 50 Rassen drauf. Inzwischen sind wir bei über 130“, sagt die 52-Jährige.

Dass die Zahl der Rassen auf der Liste zunimmt, liegt an mehreren Faktoren. Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft wurden beispielsweise Zugtiere durch Maschinen ersetzt. „Der Traktor löste die Kuh ab. Und dann wurden gezielt Kühe angeschafft, die mehr Milch geben“, sagt Feldmann. Zudem habe sich bei der Fütterung viel verändert. Früher habe der Bauer die Tiere mit dem Futter ernährt, das bei ihm wuchs, erklärt Feldmann. Irgendwann sei auf Kraftfutter umgestellt worden. So sei möglich geworden, an jedem Standort jede Rasse zu halten. Regionale Nutztierrassen wurden damit zur Ausnahmeerscheinung.

Massentierhaltung verdrängt alte Rassen

Die aufkommende Massentierhaltung sorgte zusätzlich für ein langsames Aussterben vieler Rinder- und Schweinerassen. „Das alte Fett- und Speckschwein passt nicht zum Mager-Fleisch-Trend“, erklärt Feldmann. Das Angler Sattelschwein und das Bunte Bentheimer Schwein, die einst auf vielen deutschen Bauernhöfen beheimatet waren, gelten inzwischen als „extrem gefährdet“.

Hof- und Hütehunde sind extrem gefährdete Rassen

Ähnlich erging es vielen Hof- und Hütehundrassen. War der Spitz beispielsweise lange Jahre ein beliebter Haus- und Hofhund, der ganze Weinberge, Wagenladungen oder Milchkannen bewachte, galt er irgendwann als anstrengend. „Das Gebelle hat nicht mehr gefallen, er galt als zu griffig“, sagt Feldmann, die mit ihren 85 Rasse-Betreuern gegen solche Trends anarbeitet. „Gezielte Anpaarungen und Blutauffrischungen“ sind Schlagwörter, die dann fallen. Fragt man Feldmann nach ihren größten Erfolgen, gibt sie bescheiden zurück: „Wir sind froh, dass wir bislang keine Rasse verloren haben.“

Gefährdete Haustier-Rassen: Verein rettet Hühner und Hunde vor dem Aussterben
Lottje, ein Altdeutscher Hütehund, sitzt in Witzenhausen (Hessen) auf einer Holzbrücke. SOURCE: © Uwe Zucchi/dpa

Es gehe nicht darum, für „das Museum zu züchten“, umschreibt Feldmann das Ziel der 2100 Mitglieder zählenden GEH. Die Lebenderhaltung im landwirtschaftlichen Umfeld habe Vorrang. „Wir suchen Nischen und stellen gezielt die Vorteile alter Rassen vor. Denn mit den Hochleistungsrassen können wir nicht konkurrieren.“ So lege ein „modernes Huhn“ beispielsweise 320 Eier im Jahr, während es bei alten Rassen weit weniger seien. „Da wären 180 spitze.“

Alte Rassen – Liebhaberei und Hobby

Genau hier sieht der Hessische Bauernverband auch die Probleme. „In der Landwirtschaft herrscht ein knallharter Wettbewerb“, sagte Verbandssprecher Bernd Weber. „Rotvieh und Höhenvieh sind wunderbare Tiere, aber in Zeiten der sinkenden Milch- und Fleischpreise nicht lukrativ.“ Es handele sich schließlich um Nutztiere. Allerdings sei der Erhalt der genetischen Reserven durchaus interessant. Die Tiere seien oft robuster. „Ansonsten sind die alten Rassen, so hart es klingt, eher Liebhaberei und Hobby.“

An dem Punkt fängt für Antje Feldmann die Aufklärungsarbeit an. „Die Leute haben eine heile Welt im Kopf, fühlen sich aber gestört, wenn ein Hahn kräht“, kritisiert sie. Um dem entgegenzuwirken, hat die GEH ein Arche-Projekt ins Leben gerufen, bei dem sich allein in Hessen über ein Dutzend Höfe und Parks für Interessierte öffnen. Auch der Tierpark Sababurg macht mit. „Wir merken an unseren Besuchern ein großes Interesse an alten Rassen“, sagt Sababurg-Mitarbeiter Karl Görnhardt. Das Leineschaf, das Walachenschaf, das Exmoor-Pony und Leinegänse werden in dem weitläufigen Tierpark gern und häufig besucht.