Aggressionen sind menschlich. Das gilt vor allem für Raubtiere. Die zivilisierte Welt hat sich trotzdem darauf geeinigt, dass nichts und niemand ungestraft zu Schaden kommen darf. Auch nicht, wenn du und dein Hund euch nach einem expressiven Wutausbruch deutlich besser fühlt. Präventions-Maßnahmen, die dem Frieden eine Chance geben.

Von Montag bis Donnerstag im Lichte des Großraumbüros auf einen Bildschirm starren und so tun, als ob du arbeitest. Um schließlich bei der Präsentation am Freitag aufs energischste dein unglaublich ausgefallenes „Konzept“ vorzulegen. Exakt auf Level 432 von Candy Crush plötzlich zwei unbekannte Hände an deinem iPhone betrachten, die mit ihm und der U8 auf ewig in der Tiefe des Berliner Untergrunds verschwinden. Auf die Frage nach dem Weg zur nächsten Polizei ein „du Opfa“, nach dem Weg zur Bar ein „du Hure“ vernehmen. In geselliger Runde dann vom Barmann, von der Barfrau und final deiner Begleitung für dein offensives Geflirte angemacht werden. Schließlich nach Hause kommen, um bei einem letzten Drink mit deinem Freund über Flüchtlingspolitik, den nächsten Familienbesuch und, ach ja, den Putzplan zu sprechen.

Gute Gründe

Niemand will bestreiten, dass du Gründe hast, aggro zu sein. Das gleiche gilt für deinen Hund. Körperliche Unausgeglichenheit und geistige Unterforderung, Pose, Angriff und Verteidigung, Konkurrenz und Frustration sind nachgewiesenermaßen die häufigsten Ursachen, die Mensch und Hund aus der tiefenentspannten Reserve locken. Soweit die Ausgangslage.

Sichere Führung

Nun wünschen wir alle uns Frieden und sind Pazifisten aus tiefster Überzeugung. Um deinem Hund das klarzumachen, brauchst du an vorderster Front eine möglichst vollständig abgehakte To-be-Liste und die Fähigkeit klassische Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ oder „Hier“ mit einhundertprozentiger Trefferquote zu geben. Ist das nicht der Fall, solltest du das schnellstens ändern. Denn ein Hund, der nicht sicher von dir geführt wird, folgt zwangsläufig und naturgemäß seinen unpazifistischen Trieben.

Make Love not War

Und sollte dafür nicht von dir bestraft werden. Egal, wie überfordert, genervt oder wütend du bist: deinen Hund anzuschreien oder irgendwie anders zu bestrafen ist absolut verboten. Dafür bist du alter Hippie viel zu schlau.

Aggression als Reaktion

Wichtig zu wissen: Die Aggression deines Hundes fällt nicht vom Himmel oder kommt kontextlos aus ihm selbst heraus. Immer gibt es einen Anlass, eine bestimmte Situation, das aggressive Verhalten muss als Reaktion verstanden werden. Aggression ist für deinen Hund schlicht und ergreifend eine Kommunikationsform. Gut also, dass du in Sachen Konfliktlösung mehr drauf hast. Es liegt an dir, deinem Hund zu zeigen, wie er in herausfordernden Situationen die Ruhe bewahrt.

Körpersprache & Situation verlassen

Beim Aufkommen von Aggressions-Signalen wie dem spontanen Versteifen, kurzen Schritten oder Knurren, kann ein klar gezieltes „Nein!“, das mit einer Leckerli-Belohnung verknüpfte Unterbrechen der Spannung durch ein Geräusch oder ein Kommando, das fröhliche Ablenken durch eine Aufgabe oder ein Objekt und schließlich das ruhige Verlassen der Situation deinen Hund gegen-konditionieren. Hierfür lohnt es sich, die Körpersprache deines Hundes zu studieren. Oft sind es deutlich subtilere Signale – ein Gähnen oder ein Abwenden des Kopfes – die Konfliktpotential ankündigen noch bevor der tatsächliche Konflikt sich zusammenbrauen kann.

Prävention

Doch du kannst noch viel vorrausschauender sein. Hat dein Hund sich beispielsweise angewöhnt permanent und überall sein Revier zu markieren, ist das als Dominanzdemonstration zu verstehen. Nimmst du die in vollem Ausmaß hin, stärkst du damit seinen Konkurrenztrieb. Und der ist in den Konfliktsituationen des Großstadtdschungels so gut wie immer unbrauchbar.

Vermeiden solltest du auch, deinen Hund – sei er auch noch so euphorisch – von weitem auf eine Gruppe anderer Hunde zustürmen zu lassen. Denn während du einen Häuserblock weiter noch an der Ampel stehst, kann eine ungeführte Situation im Eifer des Gefechts schnell außer Kontrolle geraten. Besser ist es, ihr nähert euch gemeinsam und in deinem Tempo. Erst ein beiläufiges „Okay“ von dir gibt deinem Hund dann schließlich die Erlaubnis seine Artgenossen abzuchecken.

Um ihnen gegenüber Toleranz zu entwickeln, bedarf es übrigens viel Kontakt. Mache nicht den Fehler und gehe seinen Artgenossen von vornherein aus dem Weg. Ganz im Gegenteil. Verabrede dich und deinen Hund mit anderen Herrchen und Hunden, bestenfalls mit solchen, die ein ganz anderes Temperament haben. Bei so einem Date kannst du mit deinem Hund üben, eine Aggression wie oben beschrieben zu unterbrechen. Führe die Begegnung mit lockerer Leine und interveniere bei Spannungsaufbau mit einem klaren „Nein!“, mit einem belohnten Kommando, mit fröhlicher Ablenkung und dem Verlassen der Situation. Und wieder von vorn.

Objekt-Aggression

Sollte dein Hund seine Aggressionen nicht an Lebewesen, sondern an deinen Sofakissen, deiner Bibliothek und deinem begehbaren Kleiderschrank auslassen, lautet der Grund hierfür so gut wie immer Unterforderung. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Dein Hund denkt vielleicht nicht wie du, aber sein Gehirn will trotzdem benutzt werden. Neben täglichem Auslauf und ausreichend Bewegung tut ihm deshalb auch Gehirnjogging gut. Kommandos, Kunststückchen und Denkspiele geben der Hirnaktivität deines Hundes eine deutlich konstruktivere Richtung.