Etwa 30 Kilometer vor den Toren Hamburgs, in einer kleinen Manufaktur in Bargteheide entsteht Hundespielzeug, das dem heutigen Trend zum Schnell und Billig-will-ich erfolgreich trotzt. In aufwändiger Handarbeit und aus Bio-Rohstoffen kreiert Joana Fokuhl Filzhundespielzeug aus Schurwolle norddeutscher Schafe. Was treibt sie an?

Joana Fokuhl hat eine perfekte, kleine Familie, mehrere Haustiere, ein Haus bei Hamburg und einen Doktortitel in Pharmazie. Aber auch genug Schwung und Selbstvertrauen, um aus einer zufällig entstandenen Idee eine Marke zu kreieren: eine für artgerechtes, handgemachtes Bio-Hundespielzeug. herzundhund®, so das junge, im Mai 2019 gegründete Label, steht für Regionalität, hochwertige Schafwolle aus ökologischer Tierhaltung und Waldorf-geübte Fingerfertigkeiten. Joana macht ihre Hundespielsachen selbst – bis auf die Schafschur geht jeder der Arbeitsschritte auf ihr Konto. Und manch einer hat mit der wolligen Handarbeit-Romantik nichts zu tun.

Von lockigen Blondinnen und rassigen Brünetten

Der Geruch in dem kleinen, blauen Holzhäuschen ist so intensiv, als stünde man inmitten einer Schafherde. Doch kein Blöken weit und breit. Das besondere Aroma kommt von den großen Säcken mit Rohwolle. Ein Griff ins Innere hinterlässt einen fettigen, gräulichen Film an den Fingern. Kaum zu glauben, dass aus den streng riechenden, teilweise verschmutzten Schafhaaren später ein stilvolles Hundespielzeug wird. Joana ist eben hart im Nehmen. Die drahtige Blondine greift beherzt in ein Becken voller nasser Schafwolle, das neben dem Wolllager steht. Nach dem ersten Sortieren – blonde und brünette Haare müssen voneinander getrennt und Strohreste entfernt werden – heißt der wichtigste Arbeitsschritt eben Waschen. „Am besten ist Regenwasser, das macht die Wolle schön weich und schont Ressourcen“, erklärt die zweifache Mutter.

Färben mit der Natur

„Ich färbe mit Absicht selbst, damit ich solche Farbstoffe aussuchen kann, die für Hunde ungiftig sind.“

Nachdem die Rohwolle zwei bis drei Tage eingeweicht und der äußere Schmutz entfernt wurde, wird das tierische Haarkleid teilweise gefärbt. Alles, was nicht in Naturfarben Grau, Braun und Weiß angeboten werden soll, kommt in ein Farbenbad. Ob Zwiebel, Blauholz oder Birkenblätter – Joana verwendet ausschließlich natürliche Pflanzenfarben, teilweise aus dem eigenen Garten. Zum Trocknen hängt dann die – naturfarbene oder bunte – Wolle überall im Garten herum. „Ich färbe mit Absicht selbst, damit ich solche Farbstoffe aussuchen kann, die für Hunde ungiftig sind.“

‚Ungiftig’ steht auch als Stichwort für die Entstehungsgeschichte von herzundhund®. „Ich habe mal einen Plastik-Apportierstab für meine Hündin Smilla gekauft und eine Freundin hat mich dann darauf hingewiesen, dass das meiste Hundespielzeug aus Kunststoff chemisch extrem belastet ist. Eine Recherche ergab erschreckende Ergebnisse: Für Haustiere gibt es eben keine Grenzwerte und keine Kontrollen und daher wird in den Kunststoff teilweise reingepackt, was für den Menschen gar nicht ginge. Als Smilla sich dann an einem Ball erfreute, den ich mit meinen Mädels gefilzt hatte, war die Idee für herzundhund® geboren: Bio-Filzspielzeug für Hunde.

Erste hundert Bälle versemmelt

„Die ersten Spielzeuge, die ich hergestellt habe, waren fürchterlich fluffig und sahen richtig bescheuert aus“, lacht Joana. „Bevor der erste gute Ball entstanden ist, habe ich sicherlich hundert schlechte gemacht. Doch dann habe ich den Dreh rausgehabt und sie sind endlich richtig cool geworden.“ Heute arbeitet die Schleswig-Holsteinerin sehr routiniert. In ihrer kleinen häuslichen Manufaktur entstehen Bälle in drei Größen, mit und ohne Schnur, in Naturfarben sowie in Rot, Gelb, Grün, Blau und Rosa.

Es gibt auch unterschiedliche Hundeknochen und die neueste Erfindung: den Wuschel, der sich als Verkaufsschlager entpuppt hat. Es ist ein gefilztes, längliches Spielzeug, bei dem man die lockige, wuschelige Schafwolle noch genau erkennen kann. Doch bevor Joana das fertige Spielzeug in den Händen halten kann, sind noch sehr viele Arbeitsschritte nötig.

Mit einem Schwingpicker wird’s leichter

Einer mittelalterlichen Foltermaschine gleich sieht das hölzerne, etwa 80 Zentimeter hohe Gerät aus, vor dem Joana steht und eine mit Nägeln bespickte Schaukel schwingt. Aber selbst wenn die Konstruktion etwas martialisch anmutet, hat der Wollwolf – so sein richtiger Name – einen ganz und gar friedlichen Verwendungszweck: Die Schafwolle zupfen oder wolfen eben. Dafür wird die grobe Wolle mit all ihren Knoten und Kräuseln auf einem Nagelbrett im unteren Bereich der Maschine platziert, über dem ein ebenfalls mit Nägeln versehener Schwingarm hin und her gezogen wird. Das löst die Unebenheiten, macht den Naturrohstoff lockerer und entfernt Verunreinigungen, wie Einstreu oder Wollnester.

Die rhythmischen Bewegungen der Wippe erfordern ordentlich Muskelkraft. „Einen Fitnessraum brauche ich nicht mehr“, sagt Joana ohne aufzuschauen. Sie muss sich auf ihre Hände konzentrieren – sonst könnte der Wollwolf doch noch zu einer Foltermaschine werden. Im Fachjargon heißt das Gerät auch Schwingpicker, vom englischen ‚pick‘, also zupfen. „Am Anfang habe ich die Wolle per Hand gezupft, doch mit dem Wollwolf geht es wesentlich schneller“, erklärt die 39-Jährige.

Nach dem Wolfen kommt das Kardieren

Damit das Vlies luftig-flauschig und einheitlich wird, muss es gekämmt werden. Erfahrene Spinner nennen das Kardieren und verwenden dazu Handkarden oder mechanische bzw. elektrische Kardiermaschinen. Joana arbeitet mit einer kurbelbetriebenen Trommelkarde, die aus zwei parallelen Walzen in geringem Abstand besteht: einer kleinen und einer großen. Die Oberfläche beider Trommeln ist mit unzähligen, etwa ein Zentimeter langen, dicht an dicht liegenden Nadeln versehen.

Joana gibt die noch recht chaotisch wirkenden Wollbüschel in die Kardiermaschine und dreht gleichmäßig an der Kurbel. Auf diese Weise werden die Wollfasern ergriffen und bleiben auf der großen Walze hängen. Nach mehreren Drehdurchgängen ist die Wolle federleicht, langgezogen und ordentlich gekämmt und hat die Form einer aufgebauschten Vliesmatte. Die weichen Platten nennt der Insider aus dem Englischen „Batts“.

WISSENSWERTES
Der Begriff “Kardieren“ stammt von dem lateinischen Wort “Carduus“ und bedeutet nichts anderes als eine Distel. In der Vergangenheit wurde die Wolle nämlich mit getrockneten Disteln gekämmt. Heute übernehmen Maschinen das Kardieren, die Widerhaken der Distel haben ausgedient.

Altes Handwerk neu gedacht

Auf diese Weise in Form gebracht sind die Batts bestens für die nächste Etappe vorbereitet: das Filzen. Dafür braucht es Wasser, Seife, wechselnde Temperaturen sowie Bewegung, also Reiben. In dicke Fahrradhandschuhe ausgestattet, über die sie noch dünne Gummihandschuhe zieht, hantiert Joana abwechselnd mit heißem und kaltem Wasser und einer flüssigen Olivenölseife. Langsam lässt sie die Hände über die Wollfläche gleiten und drückt sie vorsichtig platt. Die geriffelte Abtropffläche der Edelstahlspüle nutzt sie, um die nassen Vliesplatten behutsam zu reiben.

Später rollt sie das flächige Wollstück zusammen und bewegt es hin und her. „Das heißt Walken“, wirft sie ein, den Blick fest auf die Arbeitsfläche gerichtet. „Dadurch schrumpft der Filzstoff noch etwas kräftiger und wird dichter.“ Aus dem federleichten, kuscheligen, halbtransparenten Stück Vlies ist nach etwa zehn Minuten eine feste, kompakte Platte geworden. Joana spült sie nochmal aus, um eventuelle Seifenreste zu entfernen. „Das heiße Wasser bringt die Wollfasern zum Aufquellen“, erläutert sie den spannenden Prozess. „Die oberste Schuppenschicht spreizt sich ab und durch die Bewegung bekommen die Schuppen eine engere Verbindung zueinander. So entsteht allmählich ein sehr fester Stoff“, sagt sie und hält triumphierend die dunkelgraue Filzmatte hoch.

WISSENSWERTES
Archäologische Funde dokumentieren den Umgang mit Filz seit etwa 3000 – 2700 v. Chr. Wissenschaftliche Schätzungen gehen aber davon aus, dass die menschliche Kenntnis von Filz und seiner Herstellung schon circa 8000 v. Chr. anzusetzen ist. Im 5. Jahrhundert vor Christus wird Filz in Griechenland als Novum beschrieben, das aus Asien kommt. Von den Griechen übernahmen die Römer die Filztechnik und haben das Filzen in ganz Europa beliebt gemacht.

Deutsche Hutmacher im Mittelalter haben auch Socken und Kleidung aus Filz hergestellt und ihre Technik durch Gesellen aus den skandinavischen Gebieten auch im Norden etabliert. Filzsocken mit festgenähten Ledersohlen waren in Norwegen weit verbreitet. Ab dem 18. Jahrhundert haben heizbare Wohnungen und industriell gefertigte, warme Kleidung das Filzen in Vergessenheit geraten lassen. Erst während des Zweiten Weltkriegs hat die Filzherstellung – besonders auf dem Land – wieder einen Boom erlebt.

Von Stricken und Haspeln

Jeder Ball von herzundhund® besteht aus drei Schichten Filz, für die Schilder mit dem Namen der Marke braucht es nur eine Schicht und eine Stickmaschine. Einmal programmiert stellt sie in einer Viertelstunde etwa 10 Etiketten her. Während die Maschine vor sich hin tuckert, strickt Joana ein Netz, in dem der Filzball später landet. So umhüllt, wird das Spielzeug noch robuster und widerstandsfähiger im Kontakt mit Hundezähnen. Die Wolle für das Netz spinnt Joana nicht selbst, das würde den ohnehin schon aufwändigen Arbeitsprozess deutlich verlängern. Stattdessen bestellt sie ein fertiges dickes Garn aus Bioschurwolle im Naturton. Da es im Strang angeliefert wird, muss sie ihn noch zum Knäuel wickeln. „Früher habe ich das per Hand gemacht, jetzt nutze ich eine Haspel in Kombination mit einem Wollewickler.“

Die Haspel erinnert an ein Regenschirmgestell und verkürzt das Wickeln auf etwa fünf Minuten. Eine mehrfache Zeitersparnis. „Wenn ich gerade an den bunten Bällen arbeite, färbe ich das Garn zusammen mit der Wolle“, sagt Joana und stopft den Filz in das fertig gestrickte Netz. Die Stickmaschine schweigt mittlerweile schon – die Schilder sind fertig. Mit schnellen, präzisen Bewegungen schneidet Joana ein Viereck aus und näht das Schildchen auf dem Ball an. Hat sie mehrere Bälle in einer Farbe fertig, kommt die geballte Ladung in die Waschmaschine. Durch den Kurzwaschgang bei hoher Temperatur verschmelzen die einzelnen Schichten miteinander und das Spielzeug wird noch fester.

In jedem herzundhund®-Spielzeug kommt Wolle von fünf verschiedenen Schafrassen zusammen, deren Haarkleid unterschiedliche Eigenschaften und Farben hat. Der kleine Überraschungseffekt, aber vor allem die mühevolle Handarbeit machen jedes einzelne Hundespielzeug, das die Manufaktur verlässt, zum wertvollen Unikat. Und die Pharmazeutin zu einer glücklichen Filzmacherin. Nach den mühsamen Anfängen, als Joana jeden einzelnen Schritt noch manuell ausgeführt hat, hat sie die Prozesse innerhalb von vier Monaten um ein Vielfaches beschleunigt.

„Ich freue mich über jeden Hund, der keinen Chinaball in Maul hat. Und über jeden Halter, der überlegt, was er seinem Tier zum Spielen kauft“

Etwa ein tausend Spielzeuge monatlich können in der kleinen Manufaktur produziert werden. „Ich freue mich über jeden Hund, der keinen Chinaball in Maul hat. Und über jeden Halter, der überlegt, was er seinem Tier zum Spielen kauft“, sagt Joana und blickt in den Garten. „Irgendwann mal habe ich einen schönen Resthof mit eigenen Schafen. Das ist mein großer Traum.“ Dann wird aus ihr nicht nur eine Filzmacherin, sondern gleich eine Schäferin. Aber auch das meistert sie ganz sicher. Man muss eben Visionen haben.

Die Spielzeuge von herzundhund® sind:
• schwimmfähig
• bis 60°C waschbar
• aus 100% Bio-Schurwolle
• frei von Giftstoffen
• ab 16,90€