Jetzt blüht sie wieder: Ambrosia, Schrecken vieler Allergiker, breitet sich immer mehr Berlin aus. Wenn der Mensch das unscheinbare Unkraut schon nicht erkennt, kommen Ambrosia-Spürhunde zum Einsatz. Dafür bedarf es jedoch einer wichtigen Voraussetzung.

Vielleicht ist Arwen die am besten erzogene Hundedame Berlins. Ein Kommando, manchmal nur ein Blick, und die lebhafte Schafspudelhündin mit weißen Schlappohren pariert. Wenn Halterin Katja Krauß „Ambrosia“ ruft, rast Arwen mit ihrer Schnüffelnase am Boden an Vorgärten und Parkwegen entlang. Legt sie sich hin und schaut triumphierend nach oben, ist sie fündig geworden: Ambrosia. Dann gibt es ein Leckerli zur Belohnung. Für Katja Krauß ist das weit mehr als Beschäftigungstherapie für Hunde.

Schnüffelnasen helfen Allergikern: Ambrosia-Spürhunde im Einsatz
Hundetrainerin Katja Krauß in der Hundeschule Greh in Berlin neben ihrer Hündin Arwen. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Ambrosia der stärkste Allergie-Auslöser in Mitteleuropa

Die Ambrosia-Pflanze, die wie harmloses Unkraut aussieht, ist mit ihren Pollen der stärkste Allergie-Auslöser in Mitteleuropa. „Fünf bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft reichen, um sensibel darauf zu reagieren“, sagt Thomas Dümmel, Meteorologe an der Freien Universität Berlin (FU).

An seinem Institut gehen die Pollen wie an anderen Orten der Stadt in die Falle – und ihre Konzentration in der Berliner Luft wird analysiert. Ab nächster Woche blühe Ambrosia wieder – „rund zwei Wochen früher als sonst“, so Dümmel. Wärmere Herbste und spätere Fröste trügen dazu bei, dass Ambrosia zu den Klimawandel-Gewinnern zählt.

Heuschnupfen-Geplagte wissen, was Frühling und Sommer bedeuten: Augenjucken, Niesen, Kribbeln. Ambrosia oder Traubenkraut, eingeschleppt über Getreidelieferungen aus dern USA und Vogelfutter aus Osteuropa, verlängert ihre Leidenszeit bis weit in den Oktober hinein.

Doppeltes Problem mit Ambrosia in Berlin

„Berlin hat mit einer einjährigen und einer mehrjährigen Variante gleich ein doppeltes Problem, das gibt es bisher in keiner anderen Region“, berichtet Dümmel. Ein Ost-West-Gefälle kommt noch hinzu. „Im Osten der Stadt hat sich die mehrjährige Art durch große Bautätigkeit mit Erdtransporten rasant vermehrt“, sagt der Meteorologe. Im Westen überwiege die einjährige Variante, die im Winter abstirbt. Sie wächst vor allem, wenn Vogelfutter ohne Qualitätssiegel gestreut wird.

Dümmel und sein Team an der FU haben Ambrosia bereits seit 2009 scharf im Visier. In den vergangenen Jahren bewilligten die Arbeitsagenturen in vielen Bezirken Beschäftigungsprogramme, bei denen von der FU Berlin geschulte Ambrosia-Scouts die Verbreitung der Pflanze kartierten und sie möglichst auch gleich ausrissen. Heute setzt nur noch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf diese Prävention. Für die Kartierung gibt es zwar den Ambrosia-Atlas und eine Ambrosia-App fürs Handy, aber dafür müssen Berliner die Pflanze erst einmal erkennen.

Ambrosia-Spürhunde im Einsatz beim Gassigehen

Und dann kam Katja Krauß mit ihrer Idee: Warum nicht Hunde suchen lassen? „Sie haben sowieso die besseren Nasen“, sagt sie. Und Allergien bekämen sie so schnell auch nicht. Bei Thomas Dümmel stieß das auf offene Ohren.

Mit Hunden kennt Katja Krauß sich aus. Sie hat eine Hundeschule und Erfahrung bei der Bekämpfung manch anderer Übel. Schafspudeldame Arwen, sieben Jahre alt und ähnlich hübsch wie ihre Namenspatin aus dem „Herrn der Ringe“, ist bereits erfolgreicher Schimmelpilz-Spürhund. Ein halbes Jahr hat Krauß sie trainiert, damit sie außerdem Ambrosia entdeckt.

Schnüffelnasen helfen Allergikern: Ambrosia-Spürhunde im Einsatz
Hundeschule Greh in Berlin die Hündin Arwen wird trainiert Ambrosia zu erschnüffeln. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Nun will sie andere Halter motivieren, ihre Hunde als Ambrosia-Spürhunde ausbilden zu lassen – auch aus Liebe zum Tier. „Gassigehen allein reicht oft nicht“, sagt sie. „Hunde sind intelligente Tiere, sie wollen auch geistig gefordert werden.“ 15 Minuten Suchen sei für sie so anstrengend wie zwei Stunden neben einem Fahrrad herzulaufen. Kartieren oder ausrupfen muss Ambrosia dann aber immer noch der Mensch. Dümmel und Krauß sind sich einig: Ohne die Hilfe der Bevölkerung ist dem Traubenkraut in Berlin nicht mehr beizukommen.

Hundeschulen für die Idee gewinnen

Die einzigen Hunderassen, die sich nicht als schnüffelnde Ambrosia-Spürhunde eigneten, seien Möpse und englische Bulldoggen, erklärt Krauß. „Sie haben sowieso schon Probleme beim Atmen.“ Ab dem 7. Juli bietet sie für alle anderen Hunde den ersten Schnüffelkurs für Ambrosia-Spürhunde in Tempelhof an. Glückt das Experiment, will sie auch andere Hundeschulen für die Idee gewinnen.

Die Schulung kostet Halter allerdings erst einmal Geld. Wenn ihr Vierbeiner schon gelernt hat, Dinge zu suchen, sind es rund 165 Euro. Während der Hund die Praxis büffelt, sollen Herrchen und Frauchen in der Theorie alles über Ambrosia lernen. Auch, wie man die Pflanze ausrupft, ohne sich einer Allergie-Gefahr auszusetzen. Und wie man Ambrosia fachgerecht entsorgt.

Die Gefahr, Ambrosia-Allergiker zu werden, ist damit doppelt so hoch wie bei anderen Pflanzen.

Aus der Luft gegriffen sind wachsende Allergie-Beschwerden nicht. „Es gibt ganz klare Daten: In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Pollensaison in Deutschland schon deutlich verlängert. Aber sie ist auch intensiver geworden“, sagte der Leiter des Allergie-Centrums der Berliner Charité, Torsten Zuberbier, bei einer Bestandsaufnahme im April.

Rund 15 Prozent der Bundesbürger leiden nach den Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) an Heuschnupfen. Unter rund 6500 getesteten Berlinern hätten bereits jetzt elf Prozent eine Sensibilisierung oder gar eine Allergie gegen Ambrosia, berichtet Dümmel. „Die Gefahr, Ambrosia-Allergiker zu werden, ist damit doppelt so hoch wie bei anderen Pflanzen.“

Hundehaltern mit Ambrosia-Qualifikation die Hundesteuer erlassen

Wie die Lage künftig in ganz Europa aussehen könnte, haben Hochschulforscher errechnet. Demnach könnte sich die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2060 mehr als verdoppeln – auf bis zu 77 Millionen, berichteten sie im Fachblatt „Environmental Health Perspectives“. Ursachen sind vor allem der Klimawandel und die dadurch begünstigte Vermehrung der Pflanze. Die größten Zuwächse sind laut Studie unter anderem in Deutschland zu erwarten.

Katja Krauß sieht mit Hunden als Ambrosia-Spürhunden auch einen Imagegewinn für die Vierbeiner in Berlin. Um die Kosten für die Kurse zu kompensieren, hat sie gleich noch eine Idee: „Die Stadt könnte Hundehaltern mit Ambrosia-Qualifikation die Hundesteuer erlassen“, schlägt sie vor. Sie erfüllten ja dann immerhin eine gesellschaftliche Aufgabe.