Manche Tierhalter setzen auf Hunde, um ihre Herden vor Wölfen zu schützen. Doch auch Menschen müssen ihr Verhalten anpassen, wenn Hunde auf Weiden in Sachsen-Anhalt unterwegs sind.

Kühren – Wenn Swen Keller zu seinen Kühen auf der Weide am Lödderitzer Forst geht, wird er freudig begrüßt. Zwei junge Pyrenäenberghündinnen laufen auf ihn zu, springen an ihm hoch und holen sich ihre Streicheleinheiten ab. Diese Begrüßung ist ein festes Ritual. Drei Rüden liegen ein Stück weiter entfernt und blicken aufmerksam Richtung Keller, bleiben aber bei ihren Kühen. Swen Keller ist ihr Rudelchef, seine Anwesenheit auf der Weide ist in Ordnung.

Die beiden jungen Hündinnen bildet der Kuhhalter südöstlich von Magdeburg gerade zu Herdenschutzhunden aus. An der Seite der Rüden lernen sie, was ein solcher Hund können muss: sein Revier verteidigen. Die ersten Hunde hat er seit Frühjahr im Einsatz, nachdem ein Wolf ein Kalb gerissen hatte. „Ich habe zunächst die Hunde an den Zaun gewöhnt und dann an die Rinder“, erzählt Keller. „Das war in der Stallphase. Nach vier Wochen konnten Kühe und Hunde zusammen auf die Koppel. Es funktioniert gut.“

Vorsicht Hund! - Herdenschutz verlangt Rücksicht
Tierhalter Swen Keller läuft neben zwei Pyrenäenberghunden in Kühren (Sachsen-Anhalt) über eine Weide. © Annette Schneider-Solis/dpa-Zentralbild/dpa

Herdenschutz mit Zuschuss

Herdenschutzhunde sollen Weidetiere bewachen und beschützen. Vor Wölfen, Wildschweinen, Krähen und auch Menschen. In Sachsen-Anhalt wird das vom Agrarministerium mit einem Zuschuss zu den Anschaffungskosten unterstützt. Allerdings nur für zwei Rassen: Pyrenäenberghunde und Maremmano Abruzzesen. Andere Rassen, die weltweit seit Jahrhunderten für den Herdenschutz gezüchtet und eingesetzt werden, gelten Fachleuten in sachsen-anhaltischen Ministerien als zu aggressiv.

Recht scheint ihnen ein Vorfall aus dem Dezember zu geben: Nach dem tödlichen Angriff eines privat gehaltenen Kangals auf eine Frau in Baden-Württemberg warnen Tierärzte vor Gefahren durch Herdenschutzhunde. „Das an einzelnen Rassen festzumachen, ist Quatsch“, findet dagegen Keller. „Jeder Hund kann beißen. Natürlich ist der Schaden, den ein Kangal anrichtet, größer als der, den ein Spitz verursacht.“

Letztlich – pflichtet ihm Peter Schmiedtchen bei – sei alles eine Frage der Erziehung. Schmiedtchen engagiert sich in der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und findet, dass der wichtigste Schutz der zurückgekehrten Raubtiere die Unterstützung von Weidetierhaltern ist. Darum lässt er die beiden jungen Pyrenäenberghündinnen von Keller zu Herdenschutzhunden ausbilden.

Später sollen sie als eine Art schnelle Eingreiftruppe mit ihrem Trainer an Weidetierhalter ausgeliehen werden, bei denen der Wolf angegriffen hat. „Ein Wolf lernt schnell, dass Schafe oder andere Weidetiere leichte Beute sind. Er darf sich aber nicht auf Nutztiere konditionieren. Wichtig ist, dass der Wolf merkt, dass die Herden für ihn tabu sind. Dass sie weh tun!“ Dafür sorgen die Hunde: „Sie machen das mit Imponiergehabe, Druck, Wachsamkeit und einer gewissen Portion Aggression“, zählt Keller auf. „Es stimmt nicht, dass die Hunde eine Gefahr für die Menschen sind, weil sie sofort zubeißen und schütteln. Sie bellen zunehmend stärker und drängen einen Eindringling ab.“

Das Ministerium für Landwirtschaft sieht allerdings sehr wohl Gefahren für Menschen. Darum werden an Hunde und Halter hohe Anforderungen gestellt. Halter müssten, um eine Förderung zu erhalten, eine einjährige Erfahrung im Umgang mit Herdenschutzhunden nachweisen. Die Hunde würden geprüft.

Herdenschutz – Die Kriterien

Derzeit erarbeiten Landesschafzuchtverband und Wolfskompetenzzentrum eine Prüfungsordnung. Ein wichtiges Kriterium wird sein, dass der Hund sein Revier nicht verlässt. So war denn auch die wichtigste Lektion für die Hunde des Kuhhalters und Hundetrainers Keller, dass der Zaun elektrisch geladen und nicht zu überwinden ist. Die Hunde verteidigen allein das Revier innerhalb des Zauns. Diese Zaunsicherheit ist für Keller das A und O.

Für Peter Schmiedtchen ist ganz wichtig, dass Menschen sich auf die neue Situation einstellen. Wenn Schafe, Rinder, Lamas oder andere Tiere von Hunden bewacht werden, müssen Spaziergänger auf Distanz bleiben, damit es nicht zu Unfällen kommt. Keller weist mit großen Schildern am Rande seiner Koppel auf die Hunde hin. „Das sollte man unbedingt ernstnehmen“, rät Schmiedtchen. „Diese Hunde hier sind gut ausgebildet, aber wir Menschen dürfen die Hunde nicht provozieren und vielleicht noch über den Zaun klettern.“

Überall, wo gut ausgebildete Herdenschutzhunde sachgemäß eingesetzt werden, macht der Wolf laut Schmiedtchen einen Bogen. „Dort hat es nach meinem Kenntnisstand keine Übergriffe mehr gegeben. Wölfe sind kluge Tiere“, sagt er. „Sie gehen Konflikten aus dem Weg.“