Kim.

Kim ist eine schüchterne Yorkshire Terrierdame, die bei meiner Ankunft artig auf dem Bett sitzt und darauf wartet untersucht zu werden. Sie hat eine rote Schleife im Haar und gehört zu Olga Grell, die mit ernster Miene jede Handbewegung von mir beobachtet. Allerdings bleibt es nicht bei der Beobachtung allein, sondern sie redet daneben auch ununterbrochen „Geben Sie ihr das Vitamin K? Sie haben es doch dabei, oder?“ Dieses „oder“ schleift sie in einem bedrohlichen Ton auseinander, so dass jeder Buchstabe dieses kurzen Wortes eine kleine Stichwunde ergibt….

Vorausgegangen ist diesem Rendez-vous ein Notruf mit den Worten: „Grell. Mein Hund hat Gift gefressen. Kommen sie schnell. Wie lange brauchen sie?“ „Ich brauche ihre Adresse und dann kann ich ihnen sagen, wie lange ich in etwa brauchen werde.“ Sie gibt mir kurz abgehackt ihre Adresse, muss sie dreimal wiederholen, da sie viel schneller spricht als ich schreiben kann. Mein Defizit.

Ich bin in etwa 30 Minuten bei ihnen.

„Was für Gift hat ihr Hund gefressen?“ frage ich, um mich vorzubereiten. „Woher soll ich das denn wissen?!“ drückt sich die Stimme durch den Hörer, eher gedroht als geantwortet. „Wann hat ihr Hund das Gift gefressen?“ bleibe ich hartnäckig. „Das weiß ich doch nicht!“ gibt sie genervt zur Antwort. Um die Situation nicht schon am Telefon eskalieren zu lassen, lege ich den Ton auf, den Psychiater gewöhnlich bei der auf ihrer Couch liegendem Klientel benutzen „Ich bin in etwa 30 Minuten bei ihnen.“ Sachlich, schlichtend. Ob das entsprechend gewürdigt wird, weiß ich nicht, noch nicht.

Auf der Autofahrt sage ich mir, dass Frau Grell nicht gerade sympathisch geklungen hat, aber das war vielleicht die Aufregung. Aufregung macht ja allerhand mit Menschen. Und wenn nicht die Aufregung, dann wenigstens die Angst, dass ihr Hund stirbt. Das kann ich verstehen und fühle mich gleich sehr viel sympathischer mit Frau Grell. Lass dich nicht vom ersten Eindruck verführen. Das sind Vorurteile, gegen die du immer Stellung beziehst, sage ich mir. Vielleicht sieht Frau Grell auch verdammt gut aus. Das kann auch Stimmungsschwanken sagenhaft gut ausgleichen. Schließlich ist das visuelle das erste, auf das eine Begegnung basiert.

Ich hoffe inständig, auf ersteres und darauf, dass sie gut aussieht, sehr gut aussieht

Ich stehe nach 25 Minuten vor der Tür und klingele. Inzwischen hat Olga Grell noch zweimal angerufen und gefragt wo ich denn bleibe. Jedesmal antworte ich in Langmut in Variationen: „Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo…“ Frau Grell ignoriert dies oder versteht es nicht. Ich hoffe inständig, auf ersteres und darauf, dass sie gut aussieht, sehr gut aussieht. Aber natürlich macht sie sich Sorgen, beruhigte ich mich und finde plötzlich, ich sollte Frau Grell und das Gift ernster nehmen. Ich verspreche dies ab sofort auch zu tun.

Frau Grell macht die Tür auf und ich hätte mir gewünscht, dass es die Haushälterin ist, doch sie stellt sich vor „Grell.“ Ich halte ihr die Hand entgegen, doch sie hat sich schon umgedreht und geht in die Wohnung. Ein riesiges Appartement öffnet sich vor mir und selbst für Charlottenburger Verhältnisse zwar geschmacklos eingerichtet, aber dennoch üppig luxuriös. Herr Grell führt mich wortlos die Treppe hoch. Auch in der oberen Etage ist es üppig und in schlechtem Geschmack, Hauptsache teuer. Ob wirklich HERR GRELL kann ich gar nicht sagen, da er sich weder vorstellt, noch sonst irgendein Laut von sich gibt. Vielleicht ist Herr Grell gehörlos, denn er weist mit seinen Augen nach oben: Unmissverständlich für „Folgen sie mir!“ Ich folge und hinter mir folgt Frau Grell. „Kann ich hier entkommen?“ Schießt es mir durch den Kopf.

Ich verliere lieber einen guten Freund, als auf einen guten Scherz verzichten zu müssen

Jetzt beobachtet mich Frau Grell und redet. Ich versuche zur Befundaufnahme einige Fragen an sie zu stellen und hechte mich verbal zwischen die kurzen Redepausen, die sie mir lässt. „Wie alt? Symptome? Vorkrankheiten?“ Sie antwortet kurz und verdreht die Augen bei jeder Frage. Das macht sie gut. Ich muss lächeln, merke jedoch in dieser Sekunde, dass man hier meinen Humor nicht besonders schätzt. Mein Humor ist in gewissen Situationen etwas sperrig, das gebe ich gern zu, aber mein Motto ist, dass ich lieber einen guten Freund verliere, als auf einen guten Scherz verzichten zu müssen. Und für den Verlust der Bekanntschaft mit Familie Grell ist mir nicht einmal ein mittelmäßiger Scherz zu wenig.

Ich gebe auch zu: Meine Vorurteile sind ein Grauen. Aber Menschen ohne Vorurteile haben keine eigene Meinung, wie mein Freund Günter immer sagt. „Spritzen sie nun endlich das Vitamin K?“ klingt es drohend hinter mir und jetzt verdreht Herr Grell die Augen. Auch er kann das gut. Wer hat da von wem gelernt?

Meine Vorurteile sind ein Grauen

Herr Grell sieht lustig aus, weswegen es relativ schwer ist, nicht zu lachen oder wenigstens einen kleinen Scherz zu machen. Er hat knallgelbe Hosen an, ein pinkfarbenes Hemd, rote Schuhe und einen blau-grünen Schal lässig um den Hals gehängt. Und auf dem Haupt – und jetzt kommt mein gehässiger Neid – trägt er langes, dichtes, goldenes lockiges Haar. Entweder eine irre gute Perücke oder echt.

Für ersteres hätte er sicher die finanzielle Grundlage, denn wer sich eine Bauhaus-Sitzgarnitur neben Chippendale Möbel stellen kann auf denen elegant verzierte Meissner-Porzellan Vasen stehen, der kann sich eine Echthaarperücke in dieser Ausführung ganz locker leisten. Die zahlt der aus der Portokasse. Für letzteres, also Echthaar, fällt auch etwas Bewunderung für ihn ab, für die ich zwar in diesem Moment keine Zeit habe, denn Frau Grell erinnert mich in eben diesen Ton an das Vitamin K.

Schade, denke ich, schlechter Geschmack, aber gutes Parfüm

Ich muss noch einmal zu dem Zeitpunkt der Giftaufnahme zurückkommen. „Wann hat denn ihr Hund das Gift aufgenommen?“ Rollenden Auges kommt sie mir ein Stück näher „Das kann ich ihnen nicht sagen.“ „Rattengift wirkt erst nach vielen Stunden und hat nach 2 Tagen erst das Wirkmaximum erreicht.“ Versuche ich zu beruhigen. „Haben sie denn gesehen, dass Kim Gift aufgenommen hat?“ „Nein!“ schmettert sie mich zu Boden und kommt noch ein Stück näher. „Sie haben doch Vitamin K dabei, oder?“

Auch in der Wiederholung wirkt dieser Wortlaut bedrohlich. Ich nicke. Langsam, eher nachdenklich. „Aber wie kommen sie denn darauf, dass Kim Gift gefressen hat?“ Jetzt kommt Herr Grell näher. So nahe, dass ich sein Parfüm riechen kann und ich habe keine besonders gute Nase. Zu oft als Kind mit einer Erkältung zu tun gehabt. Vereiterte Nasennebenhöhlen, vereiterte Rachenschleimhäute, chronisch entzündete Lymphknoten und Mandeln, kaputtes Riechepithel. Schade, denke ich, schlechter Geschmack, aber gutes Parfüm. Alles Gute ist eben selten beisammen.

Jetzt spritzen sie dieses Scheiß Vitamin K endlich.

„Mein vorheriger Hund ist daran gestorben!“ sagt Frau Grell. „Rattengift führt zu inneren Blutungen.“ Führe ich aus. „Die Tiere bluten aus den Schleimhäuten, haben kleine Punktblutungen im Maul, können aus der Nase bluten, haben Blut im Urin und im Stuhl. Alles das hat Kim nicht.“ „Ich würde den Kerl rausschmeißen!“ kreischt Herr Grell plötzlich und unerwartet von hinten. Kim weicht aus und vergrößert den Sicherheitsabstand zum Herrchen, die Augen leicht geweitet.

Ich selbst versuche so ungerührt wie möglich zu wirken und muss mich dazu ziemlich verstellen. Angst um den Hund berührt mich, allerdings aus ganz anderen Gründen, als Familie Grell.  „Jetzt spritzen sie dieses Scheiß Vitamin K endlich.“ Die Stimme von Frau Grell fängt an sich ein klein wenig zu überschlagen und Kim weicht noch ein wenig zurück.

Schmeiß den raus! Schmeiß den raus! Ich würde den rausschmeißen.

Ganz früher hatte ich mal ein Buch, in dem bei komplizierten Situationen die Rede davon war, nach jeder unerwarteten Reaktion erst einmal tief Luft zu holen und dann noch einmal tief Luft holen, um dann noch einmal tief Luft zu holen. Damit erfüllt man zwei Grundsätze. Zum einen sind die Bronchen gut mit Sauerstoff gerüstet und der Körper bereit auch schwierige energieaufwendige Situationen zu überstehen und zum zweiten erkämpft man sich unkompliziert etwas Zeit zum Überlegen.

„Nichts deutet darauf hin, dass ihr Hund Gift aufgenommen hat.“ Der einzige, der jetzt zu lächeln scheint, ist Kim, scheinbar froh, noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein.  Wobei er das Gesicht verzieht, den Kopf ein klein wenig zur Seite neigt und die Lasche der roten Schleife auf sein Ohr fällt. „Es schadet ihm doch aber nicht, wenn sie ihm das Vitamin K spritzen, oder?“ Frau Grells Stimme ist gepresst ruhig. Ich kenne das. Das ist die Windstille vor dem Hurrikan Katrina in New Orleans 2005. Bevor ich antworten kann, schreit Herr Grell wieder auf „Schmeiß den raus! Schmeiß den raus! Ich würde den rausschmeißen.“ Auch in der Wiederholung wirkt Herr Grell nicht sonderlich sympathisch. Aber originell.

In fassungsloser Wut Tierarzt erschlagen.

Ich muss jetzt aufpassen, die Kontenance nicht zu verlieren. Das wäre schade. Gerade hier. Die bekomme ich doch nie wieder, wenn ich sie hier verliere. Bevor ich meine Diagnose stellen kann und einen Therapievorschlag unterbreite, stampft Herr Grell gefährlich nahe an meinen geöffneten Notfallkoffer heran.

Vielleicht erspare ich der Familie Grell auch meine Ansicht, dass ihr Hund eher durch verbalen Vandalismus eingeschüchtert und seelisch malträtiert ist. Wenn ich das äußere, dann bin ich ein toter Tierarzt. Ich sehe die Schlagzeile in der Boulevardpresse: „Zur Diagnose Vergiftung unfähiger Tierarzt beseitigt und entsorgt.“ Oder „Tiernotarzt in der Tierkörperbeseitigung gelandet. Fast wäre er zu Seife verarbeitet worden.“ Seriösere Tageszeitungen hätten getitelt: „Grenzenlose Tierliebe hat Yorki-Besitzerin zur Mörderin werden lassen.“ Oder „In fassungsloser Wut Tierarzt erschlagen.“

Von einer hübschen Frau lässt man sich zwar auch nicht gern, aber erträglicher anschreien.

„Ich mache ihnen einen Vorschlag“ höre ich mich sagen. Sehr ruhig und zugegeben provozierend langsam und leise. „Sie fahren jetzt in eine Tierklinik. Die Adresse gebe ich ihnen und lassen Kim dort untersuchen. Ich berechne ihnen natürlich nur die Anfahrt und die Untersuchung.“ Beide Grells stehen jetzt wie eine Wand vor mir. In den Händen zwar noch kein Messer, doch die Fäuste von Herrn Grell sind geballt. Plötzlich springt er zurück und schreit. Was er genau schreit höre ich nicht mehr, denn überlagert wird dies mit dem rauhen Stimmüberschlag von Frau Grell „Raus, machen sie dass sie raus kommen. Raus!“

Ich packe langsam meine Sachen zusammen, provozierend langsam. Den Tod in Kauf nehmend. Hier in dieser Wohnung etwas zu vergessen wäre unglücklich. „Zwei, die sich gefunden haben“, denke ich. Herr Grell reißt die Wohnungstür auf. Dieses Mal im ersten Stock. „Oh,“ geht es mir durch den Kopf, „schau mal, da gibt es zwei Eingänge in die Wohnung. Im Erdgeschoss geht es rein und im ersten Obergeschoss wieder raus. Zielgenau donnert die Tür ins Schloss. Hinter mir. Wenige Millimeter hinter mir. Die Schreie höre ich immer noch „Soviel Zeit verloren. Die Klinik. Welche Klinik? Scheiße!“

Es wäre sehr viel angenehmer, wenn Frau Grell hübsch gewesen wäre. Von einer hübschen Frau lässt man sich zwar auch nicht gern, aber erträglicher anschreien.

Das ist mir auch noch nie passiert.

Im zweiten Obergeschoss öffnet sich die Haustür einen Schlitz. Ich ziehe meine gerettete Jacke an und verschließe sachgerecht die Notfalltasche. In der Tür oben erscheint der Kopf eines Mannes. Er schaut mich fragend an. „Ich wurde eben aus der Wohnung geschmissen“ sage ich. „Ich bin Tiernotarzt.“ Und wie zu mir selbst sage ich „Das ist mir auch noch nie passiert.“

„Wir haben hier nur Ärger mit denen. Ganz gefährliche Leute, die.“ flüstert der Mann mir entgegen. Er schaut ängstlich um die Ecke zur ins Schloss geworfenen Tür der Grells. „Fürchterliche Leute. Nur Ärger mit denen. Geben sie mir mal ihre Karte, ich melde mich morgen bei ihnen und erzähle mal was hier los ist.“ Ich gebe meine Karte und mache mich auf den Weg zum nächsten Patienten.

Mitleidig denke ich an die Kollegen, bei denen die Grells in den nächsten dreißig Minuten aufschlagen werden.

Es gibt schon komische Menschen.

Am nächsten Tag bleibe ich an einem Zeitungskiosk stehen und schaue mir die Überschriften der Zeitungen an, vor allem der Boulevardzeitungen. Aber keine Mordserie an Tierärzten zu entdecken. Da scheinen die Kollegen in der Klinik noch mal glimpflich davon gekommen zu sein. Manchmal muss man eben einfach Glück haben. Ich lache und finde die Geschichte zu diesem Zeitpunkt schon wieder komisch. Der Flüsterer aus dem zweiten Obergeschoss hat sich nie bei mir gemeldet. Vielleicht ist er vergrellt worden, oder umgebracht oder vor Angst gestorben… Oder er traut sich einfach nicht mehr aus der Wohnung und ans Telefon.

Es gibt schon komische Menschen. Und solche, mit denen man wenig Spaß haben kann. Ich schließe mich da nicht aus. Schließlich hätte ich locker das Vitamin K spritzen können. Das hätte dem Hund nicht geschadet. Ich hätte eine dicke Rechnung zur Rettung des Hundes Kim schreiben können, wäre als Retter von den Grells wahrscheinlich verehrt worden und wäre aus der Wohnung auf Händen getragen worden. Soviele Konjunktive. Aber irgendwie konnte ich das nicht. Ich bin ein schwieriger Charakter.

Petition gegen die Haltung von Pelztieren

Wenige Tage später erzähle ich die Geschichte meiner Kollegin Anke. „Ach“ sagt sie „Uhlandstraße, da am Ku`damm. Das ist doch die Pelz-Mafia. Da kannst du aber froh sein, dass sie dir nicht das Fell über die Ohren gezogen haben.“ Warum komme ich eigentlich so selten auf diese Art guten Witz.

Wir lachen einen Moment. Zehn Minuten später fällt auch mir etwas gutes ein. Ich setze mich an den Computer, öffne die Seite mit den Petitionen und unterzeichne eine, in der massiv gegen die Haltung von Pelztieren protestiert wurde. Das hätte ich schon lange mal machen sollen. Man braucht halt manchmal eine Art Trigger. Aber besser spät als nie.