Oliver Kyr bringt gerade einen neuen Film in die Kinos, der sich ich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier beschäftigt. In der Dokumentation „Citizen Animal“ reist der Regisseur mit seiner Familie – der Ehefrau Tatjana, der kleinen Tochter Bonnie und zwei Chihuahuas – über 10.000 Kilometer durch Europa, um den Tieren eine Stimme zu geben.

In dem 95-minütigen Streifen ist das keine Metapher – die Menschen führen hier einen Dialog mit den Tieren. Auf ihrer Reise trifft die Familie unter anderem die Verhaltensforscherin Jane Goodall, den See Shepard-Gründer Paul Watson, den Tierrechtsanwalt Antoine F. Goetschel, die Vegan-Konditorin Katharina Kuhlmann und viele andere, die sich dafür einsetzen, allem Leben mit Achtung zu begegnen.

Die Berlin-Premiere des Films fand am 29. April statt. Wir haben den Regisseur bei der Preview am 24. April interviewt.

„Citizen Animal“: Die Tiere haben das Wort
Portrait Oliver Kyr © Oliver Kyr

1. Ursprünglich wolltest du einen Kurzfilm über das spanische Dorf in Trigueros del Valle drehen, wo vor drei Jahren Hunde & Katzen die Bürgerrechte verliehen bekommen haben. Wieso hast du dich für einen langen Dokumentarfilm entschieden?

Tatsächlich wollten erst einen kleinen Zweiminüter für Youtube drehen und danach einen schönen Urlaub machen. Doch eher wir uns umsahen, haben wir uns in einem großen Filmprojekt wiedergefunden. Wir haben nicht aufhören können zu drehen, waren in Spanien, Österreich, Polen… Das Thema ist einfach zu wichtig. Die erste Schnittfassung war 2,5 Stunden lang.

2. Du hast mal gesagt, du möchtest mit dem Film nicht belehren oder etwas vorschreiben. Was willst du mit Deinem Film erreichen?

Ich möchte inspirieren. Ich will keine Antworten, sondern Fragen liefern. Ich möchte, dass die Menschen über die Fragen nachdenken und selbst zu Antworten kommen. Wir sind sonst immer von Antworten umgeben, die uns die Politik serviert, die Kirche, die Gesellschaft, die Nachbarn. Es sind aber nicht unsere Antworten.

3. Was waren denn die größten Herausforderungen beim Drehen? Die Tiere selbst, Geld, andere Widrigkeiten?

Die Angst. Die Angst, ob das ein toller Film wird oder nicht. Ich habe mir ständig die Fragen gestellt, ob ich gut genug bin, ob wir vielleicht verarmen müssen, wenn der Film nicht gut ankommt. Die Ängste waren unbegründet, wir sind nicht verarmt, viele Menschen sind durch uns inspiriert, es entstehen neue Sprachversionen. Es sind aber typische Fragen, die sich Künstler stellen, auch wenn sie – wie ich – seit 25 Jahren Filmemacher sind.

4. Wieso habt ihr euch entschieden, den Tieren im Film eine Stimme zu geben? In „Citizen Animal“ unterhalten ich ja Tiere mit Menschen.

Es gibt einige Filme über Veganismus, Tierschutz und ähnliche Themen. Die meisten sagen mir: Wir sind schlau, du bist dumm. Diese Besserwisserei wollte ich unbedingt vermeiden. Wenn jemand überhaupt über Tierrechte mitreden kann, dann sind das die Tiere selbst. Und da sie nicht unsere Sprache sprechen, habe ich ihnen eine Stimme verliehen. Wobei, wie einmal Konrad Lorenz gesagt hat: „Selbst wenn Löwen unsere Sprache sprechen würden, würden sie uns nicht verstehen.“

5. Warum hast du die Form eines Dokumentarfilms gewählt? Wäre ein Spielfilm nicht leichter zu vermarkten? Menschen erreicht man eher mit Unterhaltung…

Ich hatte viele verschiedene Überlegungen. Ein Spielfilm wäre allerdings schwierig, weil man Tiere als Hauptdarsteller braucht. In dem Dokumentarfilm können sie sehr gut die Hauptrolle spielen. Wir machen ja weiter, die Machart müssen wir uns allerdings noch überlegen: Der zweite Teil handelt von Pflanzen und der dritte von Mikroorganismen. Eine Stimme kann ich ihnen nicht mehr geben, da wird es also noch schwieriger. Ein Filmkritiker hat den „Citizen Animal“ als „Propaganda“ bezeichnet – und tatsächlich nehmen wir eine Seite an. So gesehen ist dann aber auch Martin Luther King und Mutter Theresa Propaganda. Ich stehe dazu.

6. Was hat Dich am meisten erschüttert bei den Dreharbeiten und warum?

Ich habe in meinem Leben schon sehr viel Tierleid gesehen, schon als Kind habe ich mit meiner Mutter Hühner aus Legebatterien gerettet. Erschüttert hat mich bei den Dreharbeiten nicht die Brutalität der Menschen, sondern das Wegsehen. Wie vielen Menschen es erfolgreich gelingt, nicht hinzuschauen.

7. Was würdest Du denn als Lösung vorschlagen? Sollen jetzt alle vegan werden?

Oh, das sagen viele. In meinen Augen soll nicht der Veganismus die Antwort sein, sondern der Respekt vor dem Leben, sowohl den Tieren als auch den Menschen gegenüber. Wenn wir das tun, dann wäre Veganismus sicher die Konsequenz, nicht die Lösung. Zum Respekt gehört für mich auch ein guter Umgang zwischen Veganern und Fleischkonsumenten. Kein Gebashe, kein Gekeile mehr. Sie sollen sich einander respektvoll nähern – auf beiden Seiten.

8. Denkst Du, dass die Erde überhaupt noch eine Chance hat?

Oh, die Erde wird es überleben. Der Mensch ist nur eine Randerscheinung und 100.000 Jahre sind ein Wimpernschlag. Der Planet hat ja schon seine Abwehrmechanismen eingeschaltet und in Stellung gebracht. Wenn dann alles stirbt, wird die Erde aus ich selbst heraus ein neues Leben erschaffen. Es geht nicht darum, uns zu retten, sondern den Planeten. Noch haben wir eine Chance. Wenn ein einziger Mensch noch darum kämpft, dass alle Lebewesen als Brüder und Schwestern angesehen werden, dann haben wir eine Chance.

9. Was planst Du als nächstes?

Wir drehen schon den zweiten Teil „Root Republic“. Parallel entstehen gerade neue Sprachversionen von „Citizen Animal“: eine griechische, spanische, chinesische. Wir machen auch eine Kinderversion von der Doku.

Der Kinotrailer zu Citizen Animal